„Aber ich hab‘ doch ein Smartphone“ – Warum ich trotzdem analog plane

analog planen

In Zeiten, in denen vom Handy, über die Uhr und den Fernseher, bis hin zum Haus alles „smart“ ist,
mag es auf einige Menschen etwas befremdlich wirken, dass es da draußen tatsächlich noch
Verrückte gibt, die ihre Termine mit einem echten Stift auf richtigem Papier festhalten und ja, ich
werde nicht selten schräg angeschaut, wenn ich mein prallgefülltes, mit Anhängern, Klammern und
anderem Geklimper verziertes Schätzchen aus den untiefen meiner Tasche hervorgrabe, nur um
einen Termin einzutragen – ABER ich habe ein paar gute Gründe dafür.


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1. Absicherung

Mal abgesehen davon, dass ich ein unheimliches Talent dafür habe, mein Handy von Zeit zu Zeit zu
Elektronikschrott zu machen, was mich jedes Mal eine Unmenge von Daten, Zeit und Nerven
kostet, hat es auch andere Vorteile, Dinge zusätzlich woanders festzuhalten, als nur auf dem
Smartphone. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen verliere ich außerdem mein
Portmonee, werde dann panisch und hysterisch und weiß tagelang nicht, wo mir der Kopf steht.
Tadaaa! Der analoge Planer hilft mir zwar weder dabei, Geld abzuheben, noch lässt er mich
WhatsApp Nachrichten empfangen, aber zumindest weiß ich trotzdem noch, in welchen Schichten
ich arbeiten muss, wann ich das Referat für die Uni vorzubereiten habe und wann der
Vorsorgetermin beim Zahnarzt ansteht.
Weiterer Pluspunkt: es gibt keinen Akku, der einen im Stich lassen kann.

 

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2. Spaß an der Sache und Sammelwut

Ich finde es einfach wahnsinnig schön, mich sonntags hinzusetzen und die vergangene Woche zu
betrachten. Vermerke, (bestenfalls) abgehakte To-Dos, Zitate oder Zeilen, die mich an einem
bestimmten Tag beschäftigt haben und alles andere, was da in dieser Woche noch so vor sich ging
nochmal vor Augen zu haben. Ich mag es auch, rückblickend die Woche schriftlich
zusammenzufassen, sie Revue passieren zu lassen, mich über schöne Momente nochmal zu freuen,
über lustige Momente nochmal zu lachen und auch, mich über doofe Sachen nochmal zu ärgern
(oder auch zu merken, dass der Ärger verflogen ist und darüber zu schmunzeln, dass man sich über
so etwas überhaupt aufgeregt hat…).
Es macht mir Spaß, eine kommende Woche zu dekorieren und für mich schön zu gestalten. So
verschaffe ich mir erstens einen visuellen Überblick über die Tage, die da kommen, zweitens kann
ich mich schon auf schöne Sachen freuen, nicht nur weil sie hübsch anzusehen sind, und drittens
nehmen schön gestempelte Rahmen um verschlungen geschriebene Worte wie „Arbeit“ oder
„putzen“ den Dingen den Schrecken. Klar, ich putze auch nicht gern, wenn es da in kupferglänzenden, mühevoll kalligraphierten Lettern steht (das wäre nun wirklich gelogen…), aber
so schaue ich mir wenigstens ein bisschen gern an, was mir blüht. Die Woche bekommt einen
Charakter. Wenn man sie später nochmal durchblättert, weiß man einfach „Ach ja, die
‚Sukkulenten-Woche‘. Die zu dekorieren hat mich echt Nerven gekostet. Aber da war ich im Kino
und das war dieser wirklich gute Film…“.

Weiterer Pluspunkt: Einen Punkt aktiv von der To-Do Liste zu streichen ist einfach unendlich viel
befriedigender, als ihn aus dem Handy zu löschen. Glaubt es mir! Probiert es aus! Das tut so gut,
dass ich Dinge auf meine Liste setze, die ich schon erledigt habe, damit ich sie abhaken kann.
ACHTUNG! Zum Spaß gehört allerdings auch ein Konsumverhalten, das mitunter erschreckende
Ausmaße annimmt. Ich gehöre und gehörte nie zu den Frauen, die 837 Paar Schuhe haben und auch
Handtaschen lassen mein Herz nicht höher schlagen… Aber gib mir eine Kreditkarte und einen
Internetzugang und ich erkaufe mir Frohsinn in Form von wieder ablösbarem Klebeband aus
Reispapier, Lederplanern in unendlichen Variationen und Stickern.
Und damit kommen wir zum für mich absolut wichtigsten, größten Punkt an der ganzen Sache:

 

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3. Sentimentalität

Vielleicht erinnert sich der Eine oder die Andere: Es gab diese Zeit in den 00er Jahren, in denen
man einen „Schülerplaner“ hatte. Meine waren wahlweise mit kitschigen schwarzweiß Fotos oder
Sandstränden gecovert. Sie umfassten ein Schuljahr, also 12 Monate, von August bis Juli des
Folgejahres und enthielten neben einem Kalendarium (bei mir immer ein Tag pro Seite),
Möglichkeiten Stundenpläne einzutragen, Übersichten über Schulferien, Tabellen mit Formeln, die
man lernen sollte, es aber niemals tun würde, und andere mehr oder weniger nützliche Dinge. Mit
diesen Relikten meiner Jugend fing alles an…
Hier wurden während des Unterrichts Briefchen reingekritzelt, Gedichte über Lehrer verfasst, alles
Leid im Leben eines Teenagers tagebuchartig schriftlich festgehalten und manchmal auch ein
Termin für eine Klassenarbeit notiert. Verziert wurde das Ganze dann mit Kino- und
Freibadeintrittskarten, Bonbonpapieren, Stickern der Lieblingsband, Zeilen aus unfassbar
tiefgründigen Songtexten (*Ironie aus*), kleinen Herzchen oder Totenköpfen mit Namen darunter
(stimmungsabhängig) und – in meinem Fall – kleinen Schnipseln, die ich aus Zeitschriften und
Katalogen ausschnitt. Himmel, ich war ja so rebellisch…
Ja, heute kann ich das alles freudig belächeln und wenn das Schuljahr vorbei war, landeten die
Bücher prallgefüllt und zerfleddert neben den anderen im Regal, wo sie sehr lange nicht beachtet
wurden.
Und dann kommt der Tag, an dem man sein Jugendzimmer ausräumt, weil man in die erste eigene
Wohnung zieht; oder der Tag, an dem man aus der ersten eigenen Wohnung in die erste gemeinsame Wohnung zieht; oder der Tag, an dem man aus der ersten gemeinsamen Wohnung in eine größere zieht, weil man bald mehr Platz braucht, da sich jemand Kleines dazugesellen wird – und an all
diesen Tagen nimmt man diese Bücher in die Hand und bevor man sie in einen Karton legt, blättert
man sie „nur mal kurz“ durch, erinnert sich, freut sich, leidet wieder all die Teenagerschmerzen,
liebt wieder die ersten großen Lieben und nimmt sich fest vor, die alte Freundin anzurufen, deren
Brief man eingeklebt und die man schon ewig nicht mehr gesehen hat… Und in zehn Jahren, packe
ich meine Kisten und zeige meinem Sohn all die eingeklebten Ultraschallbilder, Fotos, Randnotizen
über erste Zähne, erste Schritte und erste Worte und weiß ganz genau, dass das Dinge sind, die man
nicht in sein Smartphone tippt.

 

Bis dann und viele liebe Grüße,

Eure Selina
(Instagram = @nanaplans )

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